Die Werksschließung des Handyherstellers Nokia in Bochum beschäftigt derzeit nicht nur die offline-Medien sondern in zunehmendem Maße auch die Blogosphäre. Allerdings ist es interessant zu sehen, dass sich anders als bei vielen klassischen Blogosphäre-Revolten (a la Jamba) kein einheitliches Meinungsbild herausbilden will. Der relativ offensichtliche Grund dafür ist, dass es eine interessante Zweiteilung in Wirtschaftsblogs und andere Meinungsblogs zu geben scheint. Zweifellos haben aufgrund der Nähe zum Marketing und der PR viele Blogger einen Wirtschaftshintergrund aufzuweisen und das scheint sich hier zu zementieren. Dabei ist unter den Wirtschaftsblogs der einheitliche Tenor dass man Nokia als Unternehmen verstehen muss, während der Rest der Blogosphäre die ein oder andere Form des Nokia-Boykotts fordert.
Anders ist das bei rein moralisch besetzten Themen, wenn Firmen oder Institutionen ethisch nicht vertretbare Entscheidungen treffen. Dann ist die beschriebene Spaltung recht schnell aufgehoben. Spannend ist hier, zukünftig zu beobachten ob es weitere solcher Spaltungen zu geben scheint (wenn gefunden bitte kommentieren
).
Meine eigene Einstellung zu diesem Fall weicht etwas von der generellen Wirtschaftlerlinie ab. Wir müssen Nokias Entscheidung nicht verstehen – vielmehr bleibt uns ohnehin nichts anderes übrig als diese hinzunehmen. Denn hier offenbart sich einfach eine gewisse Schizophrenie unserer Gesellschaft. Einerseits bezahlen wir Nokia dafür, das Handywerk nicht in seiner Heimat Finnland sondern hier bei uns in Bochum zu errichten, andererseits bricht ein kleiner Bürgerkrieg los, wenn andere Länder eine ähnliche Politik verfolgen. Es ist also an uns, die Politik der Bundesregierung zu überdenken und nicht vorschnell über eine Wirtschaftsinstitution herzufallen. Wahrscheinlich haben die welche sich jetzt aufregen damals voller Schadenfreude nach Finnland geschaut wo die Gewerkschaften und Angestellten das Investment ihrer Firma hierzulande akzeptieren mussten. Zweitens, kritisieren wir als fortgeschrittene Gesellschaft die Entwicklungsländer, dass sie zu kurzfristig denken, wenn sie über reine Geld-Subventionen und befristete Sonderwirtschaftszonen Investoren anlocken wollen, statt nachhaltige und grundlegende Vorteile zu entwickeln. In der Regel zeigen wir anschließend mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf jene Regionen, die dann bald eine Abwanderung der Unternehmen zu beklagen haben – „Wir haben es ja gewusst!“ Nun ist der Nokia-Fall eben ein Beispiel dafür, dass wir selbst nicht in der Lage sind unsere eigenen Erkenntnisse umzusetzen und eine vernünftige Politik zu betreiben.
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Tags: Aktuelles, Unternehmen
Mutig, dass Sie dieses Thema angehen. Zu unterscheiden wäre in meinen Augen die Mikro- von der Makroebene.
Die Mikroebene betrifft Bochum und die im Werk beschäftigten Menschen. Welche Perspektive gibt es da? Im strukturschwachen Ruhrgebiet dürfte der Verlust von 2000 Arbeitsplätzen schwer aufzufangen sein. Ich bin geneigt, das Vorgehen von Nokia auf dieser Ebene als unmoralisch einzustufen. Warum muss ein funktionierendes Werk nach nur 10 Jahren Betrieb geschlossen und an einem anderen Standort völlig neu aufgebaut werden?
Die Makroebene berührt Ihre Ausführungen. Ein einzelnes Land kann in diesem globalen Kontext nicht viel machen. Das Werben um Werksansiedlungen und die Vergabe von Subventionen muss aufhören. Hier schneiden sich alle Staaten nur ins eigene Fleisch. Eine Industrieansiedlung ist heute nicht mehr das, was sie im 19. Jahrhundert war – ein Werk für die Ewigkeit. Und Konzerne wie Nokia sind vermutlich fast schon gezwungen, an diesem Rad mitzudrehen, weil es die Wettbewerber weltweit auch tun. Nokia kann es nicht egal sein, sollte beispielsweise Samsung ein Werk in China mehr oder weniger geschenkt bekommen. Ein einzelner Fall verändert da schon die Kalkulation einer ganzen Branche.
Vordergründig profitieren die Verbraucher, weil die Konsumgüter immer billiger werden. Tatsächlich aber wird die Preisentwicklung von einem ruinösen Standortwettberb angeheizt, der weder stabile Beschäftigungsverhältnisse, noch funktionierende Sozialsysteme schafft.
@Matthias
ich denke, dass da die Globalisierung noch zu oft missverstanden wird. Viele Fakten werden der Globalisierung in die Schuhe geschoben, ohne dass sie eigentlich damit zu tun hat. Im Gegenteil ist Globalisierung in fast allen Fällen lediglich ein Indikator für absteigende nationale Industrien oder Berufszweige. Am besten kann man dies an der im derzeitigen Wahlkampf so oft zitierten amerikanischen Autoindustrie ablesen. Dort wird die Globalisierung für die Massenentlassungen der letzten Jahrzehnte verantwortlich gemacht. Andererseits sehen wir den technischen Fortschritt der uns immer noch erlaubt, Autos in Industrieländern zu bauen. Als Konsequenz heißt das doch nur, dass auch ohne Globalisierung – selbst ohne Freien Handel – die Industrie heute kaum anders aussehen würde, da mit geringer Verzögerung die reine Technisierung der Produktion eben denselben Effekt gehabt hätte. Auf der Mikroebene führt dies natürlich zu Problemen für Menschen, Familien und Regionen – auf der Makroebene würde das aber bedeuten, den Fortschritt aufhalten zu wollen.
Eingerostete Sozialsysteme sind sicherlich für das gesamte System von Nachteil und können die Situation verschlimmern, aber sehe ich die Ursache dafür eher in anderen gesellschaftlichen Bereichen.
Andererseits gebe ich Ihnen Recht, dass sich endlich ein Standard für “Corporate Social Responsibility” durchsetzen sollte. Dann würden die Diskussion zumindest wesentlich entspannter ablaufen, weil Langzeiteffekte (z.B. jetzt Abfindungen) besser bedacht würden.