Es war die Sensation des gestrigen Tages: Das Bibliographische Institut & F.A. Brockhaus verlagert sein Vorzeigeprodukt, die Bockhaus Enzyklopädie, komplett ins Internet. Nachdem im letzten Jahr die Zielmarke von 20.000 verkauften Einheiten der 21. Auflage weit verfehlt worden war, hat man sich zu diesem drastischen Schritt entschieden. Zukünftig wird der komplette Inhalt kostenlos und werbefinanziert im Internet dargeboten (angesichts der schlechten Kritiken im Vergleich mit Wikipedia & Co ein echt mutiger Schritt). Die FTD titelt daher heute „Brockhaus kapituliert vor dem Internet“ und beschreibt das Abwandern der Leserschaft als „Abstimmung mit dem Mausklick“.
Etwas weniger medienwirksam hatte bereits Anfang der Woche mit der Capital Times aus Wisconsin, USA, die erste größere Zeitung eine komplette Verlagerung ihrer Aktivitäten ins Internet angekündigt.
Nun könnte man meinen, sei das schon seit langem orakelte „Ende von Print“ gekommen, dem ist jedoch nicht so. Es ist richtig dass wir Zeuge einer sich dramatisch verschiebenden Medienlandschaft sind, aber die „Kapitulation“ ist in der Regel auf mangelnde Flexibilität der Geschäftsmodelle zurückzuführen. Der Medientrend geht schon seit Jahrzehnten in Richtung der Individualisierung. Vereinfachte und ökonomischere Druckverfahren (z.B. PoD) ermöglichten es zuvor überregionalen Zeitungen lokal adaptierte Ausgaben anzubieten. Das Internet ist nur ein weiterer Schritt in diese Richtung. Der Leser möchte ein auf ihn zugeschnittenes Produkt haben. Hier müssen Verlage reagieren und die Brücke von Print zu Digital meistern. Oft wird bereits eine Kombi aus Printabo und zugeschnittenem Newsletter angeboten. Aber was hindert denn Verlage daran, wirklich individuelle Produkte zu entwickeln – die offline-Zeitung zum Selbstbau zum Beispiel. Warum kann ich mir mein Printprodukt nicht wunschgemäß mit den Top-Headlines, einem großen Sportteil, den internationalen Politik- und Wirtschaftsmeldungen und schließlich noch einer Seite aktueller Techniktrends selbst zusammenstellen? Technisch ist dies kein Problem mehr. Und bei Preisen um die 2€ für FAZ, Süddeutsche, FTD & Co sollte eine betriebswirtschaftlich sinnvolle Lösung keine Utopie sein.
Aber üben wir uns doch jetzt, wo die Lawine ins Rollen gekommen ist, noch ein wenig in Geduld. Bertelsmann war vom Brockhausschritt genauso überrascht wie viele andere. Das spricht dafür, dass eigene Konzepte noch nicht greifbar in der Schublade liegen. Aber, möchte man sagen, dafür wird es jetzt höchste Zeit!
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Tags: Aktuelles, Internet, Medien, Unternehmen
Danke für den Stern-Link… Aufgrund dieser Ergebnisse (gibt es da noch weitere Tests?) wird es schwer, das Hauptargument für den Brockhaus (Richtigkeit der Artikel) gegen die Wikipedia aufrecht zu erhalten.
Also über den Vergleich mit Brockhaus ist das die einzige Studie die ich kenne. “Nature” hat vor einiger Zeit mal einen Vergleich zwischen der Encyclopedia Britannica und Wikipedia gemacht und ebenfalls ein Urteil pro Wikipedia gefällt.
http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/news/260075.html
Nils: Es existieren noch eine Reihe weiterer Tests (u.a. von der c’t). Leider gibt es bisher keinen Vergleich zwischen Wikipedia und dem Textcorpus der Brockhaus Enzyklopädie 21 – aber das wird ja demnächst möglich werden.
@Tim: stimmt, entgültige Vergleiche werden sich wohl dann erst treffen lassen. Anreiz genug für die Brockhaus-Jungs da noch einmal richtig ranzuklotzen. Die einzige Chance wie sie gegen Wikipedia punkten könnten liegt in der Kombi Reputation/Qualität. Schaun wir mal