In der aktuellen Ausgabe des PR-Magazins ist eine fünfseitige Abhandlung über Corporate Blogs enthalten. Die freie Journalistin Sarah Roth hat sich dabei Blogs als vierten Teil einer Serie zur „Reputationssteuerung im Internet“ angeschaut. Was vielversprechend klingt, ist insgesamt aber mehr als nur eine fachliche Enttäuschung. Wäre das ganze ein Aufsatz, müsste man nach der Lektüre eindeutig zum Schluss kommen „Thema verfehlt“.
Frau Roth hat im Rahmen ihrer Recherche einen (für sie) klaren Trend erkannt: Themenblogs sind die Zukunft jeglicher Unternehmensblog-Strategie. Dabei stützt sie sich auf das T-Systems Automotive Blog – für Roth das „Paradebeispiel für eine neue Generation von Firmenweblogs“. Kunden wollten lieber an den inhaltlichen Herausforderungen einer Firma beteiligt werden – in diesem Falle Softwarelösungen von T-Systems für die Produktentwicklung in der Automobilbranche – statt Alltagserlebnisse der Mitarbeiter zu lesen. „Expertenrat statt Alltagstratsch“. Ihre Hauptquelle ist Petra Sammer, die bei Ketchum ja bekanntlich eine ganze Reihe von Blog-Koryphäen wie BMW, MAN und Bauknecht betreut. Stolz wird auch Gina Duscher zitiert, die bei T-Systems Onlineverantwortliche ist: „Unser Expertenblog ist ein voller Erfolg.“ Und weiter heißt es im Artikel dazu „Ein derart umfassendes und direktes Feedback bekämen Unternehmen selten“.
Man soll mich nicht falsch verstehen. Ich gehöre ebenfalls zu den regelmäßigen Lesern des Automotive Blogs, weil ich die Tiefe der Beiträge schätze (obwohl ich mir dafür dann zum Lesen/Verstehen immer gleich eine halbe Stunde freischaufeln muss). Aber ich halte es für völlig verfehlt, dieses als Ikone der Unternehmensblogwelt darzustellen. Der T-Systems-Blog lässt sich folgendermaßen statistisch erfassen: Vier Beiträge jeweils im Januar und Februar (bei immerhin fünf Autoren!), die durchschnittlich einen Kommentar als Reaktion erhalten haben (= umfassendes Feedback?). Dazu eine Technorati-Authority von 15, womit der Blog die Riege der 550,000 Top-Blogs nur knapp verfehlt.
In diesem Rahmen ist es nur schwer nachvollziehbar, wie Frau Roth dieses Modell gleich als wegweisenden Trend für die Zukunft erkannt hat. Persönlich halte ich Themenblogs durchaus für ein vernünftiges Tool und für ein Erfolgsmodell wenn man es richtig anwendet, gerade wenn es darum geht Expertenwissen zu vermitteln und eine Reputation als erfahrener und konstruktiver Partner aufzubauen, aber ich halte es für absolut falsch diese Erkenntnis im Umkehrschluss als Todesstoß für sämtliche anderen Formen zu formulieren. Da ist es schade, dass sich Frau Roth nicht intensiver bei den bekannteren Blog-Experten wie Klaus Eck, Thomas Pleil oder Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach erkundigt hat.
Viel wichtiger wiegt eigentlich eine andere leider nur nebensächlich behandelte Erkenntnis „Unternehmen, die nicht täglich veröffentlichen und auf Kommentare reagieren, werden ignoriert, verspottet oder sogar gehasst“ (Zitat von Sabine Klaas). Dass diese Aussage wiederum bei genauer Betrachtung gegen das T-Systems-Blog spricht, wird nicht erkannt. Bei genauer Überlegung komme ich sogar zu dem Schluss dass es sich bei T-Systems nur um „Corporate Publishing“ im Blog-Gewand handelt, wofür an sich ein Standard CMS genügen würde und der Begriff des Blogs auf seine technische Simplizität zurück-gestutzt wird.
Hat man, aber erstmal begriffen dass Blogerfolg sich über Authentizität, Frequenz und offenen Umgang mit dem Leser erreichen lässt, kann man Blogs konzeptionell für die verschiedensten Firmenziele einsetzen. Da haben Mitarbeiterblogs mit persönlicher Note, wie der Walther-Saftblog, der Frosta-Blog oder auch der Daimler-Blog genauso ihre Daseinsberechtigung wie Themenblogs oder der Trend zu Recruitingblogs a la Bosch und Ikea. Dies wäre sicherlich eine sinnvollere Empfehlung an die vielen PR-Entscheider und Leser des PR-Magazins gewesen.
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